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Ist Bewusstsein die natürliche Antwort auf Künstliche Intelligenz?

Spreche ich mit einem Menschen oder einer Maschine?

Der von mir persönlich sehr geschätzte Wissenschaftsjournalist, Physiker und Moderator Ranga Yogeshwar löste Mitte Januar mit einem Gastbeitrag im Feuilleton der Frankfurter Allgemeinen Zeitung eine neue Diskussion zum Thema Künstliche Intelligenz aus.  Aufhänger war der von Google entwickelte Sprachassistent Duplex, der am Telefon wie ein Mensch klingt und spontan auf unerwartete Antworten seines Gesprächspartners reagieren kann.

Klar, mein erster Gedanke war, dass ich es bestimmt sofort merken würde, wenn ich es am anderen Ende der Leitung mit einer Maschine und nicht einem Menschen aus Fleisch und Blut zutun hätte. Aber diese Einschätzung habe ich sehr schnell revidiert, als ich mir selbst den Mitschnitt zweier solcher Mensch-Maschine-Telefonate auf YouTube anhörte.

Technischer Fortschritt braucht Ethischen Fortschritt

Ich glaube der technische Fortschritt lässt sich nicht aufhalten. Und das ist auch gut so! Die wirkliche Herausforderung liegt im verantwortungsvollen Umgang mit der Technologie. Damit meine ich jetzt nicht nur die momentan so heiß diskutierte Künstliche Intelligenz, sondern jegliche Art technischer Entwicklung, welche ein verantwortungsvolles Verhalten erfordert.

Ein Freund hat es mal sehr treffend so ausgedrückt: „In jeder Küche findet sich ein großes, spitzes, scharfes Messer. Das bedeutet aber nicht, dass permanent Leute damit umgebracht werden.“ Mit anderen Worten: In manchen Bereichen beherrschen wir den Umgang mit potentiell gefährlichen Situationen schon recht zuverlässig. Aber wenn es neue Entwicklungen gibt, dann sind wir herausgefordert, unser ethisches Grundverständnis weiter zu verfeinern.

Es stellt sich also die Frage, ob und wie bestimmte Technologien eingesetzt werden sollen. Was ist richtig? Was ist falsch? Welcher Zweck heiligt hier welche Mittel?

Extrinsische Motivation hat Grenzen

Nun könnte man in einer Gesellschaft natürlich nach endlos langen Diskussionen versuchen viele Abhandlungen und Verhaltenskodizes zu verfassen, deren Durchsetzung überwacht und Verstöße entsprechend geahndet werden müssten. Auch gezielte Anreizsysteme (neudeutsch „Incentives“) können vermeintlich richtige Verhaltensweisen fördern. Überspitzt dargestellt: „Wenn du schön brav die Finger vom Auslöser der Rakete lässt, dann bekommst du später eine große Portion von deinem Lieblingsnachtisch.“

Die Metapher „Zuckerbrot und Peitsche“ ist ein eingängiges Synonym für Extrinsische Motivation. Aber die funktioniert bestenfalls nur solange, wie die Aufpasser genügend Zuckerbrot haben und mit der Peitsche in der Hand uneingeschränkt aufmerksam bleiben. Aber wollen wir uns darauf wirklich verlassen?

Intrinsische Motivation für Ethik & verantwortungsvolles Verhalten

Viel einfacher, praktischer und sicherer wäre es doch, wenn jeder Mensch von innen heraus – also intrinsisch motiviert – die richtigen Dinge täte, oder?

Aber was ist richtig? Vielleicht hilft uns da der bekannte ego-zentrierte Spruch „Wenn jeder an sich selbst denkt, dann ist an alle gedacht“ recht unerwartet auf die richtige Fährte. An sich selbst zu denken scheint gerade in der heutigen Zeit eine ausgeprägte intrinsische Motivation von uns Menschen zu sein. Was für uns selbst gut ist und uns selbst nicht schadet, dass betrachten wir subjektiv gerne als richtig.

Das heißt unser eigenes Ego und unser Selbsterhaltungstrieb liefern einen soliden intrinsischen Gradmesser, zumindest für unser individuelles Empfinden von Richtig oder Falsch. Wir wüssten schon recht gut, was wir tun und lassen würden, wenn wir die Auswirkungen unseres Verhaltens unmittelbar am eigenen Leibe erfahren würden.  Von wenigen psychopathologischen Ausnahmefällen abgesehen: Wer würde sich das große, scharfe Küchenmesser in der Hand mit Schwung in den eigenen Oberschenken rammen? Ich glaube niemand.

Wir besitzen also durchaus eine starke intrinsische Motivation zum richtigen und verantwortungsvollen Handeln. Das eigentliche Problem ist, dass wir unsere Mitmenschen und/oder die Umwelt in der Regel nicht als unseren eigenen Oberschenkel betrachten.

Ein Gedanken-Experiment

Was wäre, wenn wir in einem Bewusstsein leben würden, dass die vermeintliche Trennung zwischen mir und meinem Umfeld bei genauerer Betrachtung gar nicht existiert?

Angenommen, ein wachsendes Bewusstsein und Verständnis der Wirkmechanismen unserer Realität würde dazu führen, dass wir die „Anderen“ als einen Teil von uns selbst wahrnehmen (siehe „Oberschenkel“). Dann hätten wir die notwendige intrinsische Motivation für ethisch richtiges Verhalten und wir würden auch mit neuen Technologien (z.B. Künstliche Intelligenz) automatisch verantwortungsvoll umgehen.

So bleibt letztlich die Frage, ob es nur ein Gedanken-Experiment ist.  Vielleicht befinden wir uns ja gerade an der Schwelle einer wissenschaftlichen Revolution, die unser Realitäts- und Selbstverständnis grundlegend verändert könnte.  Einen derartigen Paradigmenwechsel zu erkennen und zu beschleunigen wäre also ein interessanter und innovativer Ansatz zum Umgang mit neuen Technologien und Herausforderungen unserer Gesellschaft.

Autor: Carsten Ohrmann www.CarstenOhrmann.com

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