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Erik Händeler: 1929 und wir

Damals war das elektrische Netz fertig investiert, heute die IT der strukturierten Wissensarbeit? Die Zukunft gehört dem Mensch hinter der Technik.

Alle Medien haben über die Jahrestage des großen Börsencrashs vor 90 Jahren berichtet: Über die gierigen Spekulanten, den irren Indexsteigerungen, den begleitenden Betrügereien, den freien Fall auf nur noch zehn Prozent des vorherigen Wertes bis Juli 1932. Millionen Menschen in den USA und in Europa hungerten in der Folge. In dieser Lesart hat der Börsencrash die Weltwirtschaftskrise der 1930er ausgelöst, doch das stimmt nicht: Schon vorher waren Industrie und Autoproduktion in den USA im Sinkflug gewesen. Ökonomen schreiben dann, dass die Ursache der Krise nicht bekannt sei. Da hilft der Blick des Realwirtschaftlers Nikolai Kondratieff (1892 – 1938): Der elektrische Strom hatte seit den 1890ern die Wirtschaft angetrieben: Über die Chemie boomte Landwirtschaft und Medizin; Stahl ließ sich mit Strom 80 Prozent billiger herstellen, er ermöglichte Massenproduktion.

Solche grundlegenden neuen Technologien benötigen Unmengen an Kapital über einen längeren Zeitraum, um das Technologienetz aufzubauen, bei hohen Zinsen. Bis es zunehmend fertig investiert ist: Anfang der 20er Jahre waren in den entwickelten Ländern so gut wie alle Unternehmen elektrifiziert, Ende der 20er Jahre waren je nach Region 80 bis 90 Prozent  der privaten Haushalte an das elektrische Netz angeschlossen. Es gab immer weniger rentable Investitionsmöglichkeiten, die einem die Kosten senkten. Deswegen braucht die Volkswirtschaft dann weniger Geld, die Zinsen fallen, was den Konsum ankurbelt, etwa Ferienhäuser in Florida, der Kauf einer neuen Küche. Oder das freie Geld fließt in die Anlage von Immobilien und vor allem Aktien, deren Preise nicht deshalb steigen, weil sie mehr wert sind, sondern allein, weil es im realen Leben keine rentablen Verbesserungen mehr gibt.

Auch heute sind nicht die Zentralbanker „schuld“ an den Nullzinsen, sondern der Mangel an Investitionsmöglichkeiten, die im realen Leben Ressourcen einsparen. Dort ist etwas zu Ende gegangen, allmählich weltweit: In der Breite haben Computer seit über 40 Jahren strukturierte Wissensarbeit effizienter gemacht. Wer um 1990 seine Schreibmaschine in den Keller stellte und einen 2/86 PC kaufte, der machte einen gigantischen Fortschritt. Wenn sich dagegen heute die Rechenleistung  verdoppelt, ist die Arbeit um null Prozent besser geworden, weil sie nicht an der Knappheit ansetzt, über die Kondratieff nachdachte.

Dort setzen die Zukunftstechnologien nicht an, die uns heute verheißen werden: Je mehr Technik wir haben, umso mehr geht es um die Menschen hinter der Technik, die um die bessere Lösung ringen müssen, eine Situation analysieren und wirklichkeitsnah entscheiden, gegensätzliche Interessen unter einen Hut bringen. Fließen zu verlegen ist eine strukturierte Tätigkeit; dabei ein schwieriges Ehepaar zu beraten aber ist eine unstrukturierte, unscharfe Arbeit. Weder KI noch Nanotechnik helfen, wenn zwei Abteilungsleiter nichts miteinander reden oder ein Team Probleme von der Beziehungsebene her angeht anstatt von der Sachebene.

Die Folgen einer fertig investierten Technik samt folgender Stagnation sind desaströs: Die Länder schließen ihre Handelsgrenzen, suchen Sündenböcke, wählen „starke“ Führer, schieben den Verstand bei Seite und lassen sich über niedere Instinkte manipulieren. Das war nach dem Gründerkrach 1873 für 20 Jahre so, als die Eisenbahnen zwischen den damaligen Zentren fertig gebaut waren; das war in der Weltwirtschaftskrise nach 1929, als die meisten Länder in Diktaturen versanken.

Was tun, um heute ein weltweites 1929 abzuwenden? Weder noch mehr Geld noch Technik werden uns grundlegend helfen. Der beste Weg, Politik und Wirtschaft zu stabilisieren, ist, gesamtgesellschaftlich produktiver zu werden. In den vergangenen 200 Jahren haben wir die materiellen und energetischen Prozesse durchrationalisiert. Jetzt gilt es, den Anteil unserer Arbeit zu verbessern, der aus unstrukturierter Gedankenarbeit zwischen Menschen besteht, in der gedachten Welt, in der es keine Grenzen des Wirtschaftswachstums gibt.

Erik Händeler, 50, ist Autor („Die Geschichte der Zukunft“) und Vortragsredner. Er beschäftigt sich vor allem mit Kondratieffs Wirtschaftstheorie und dem Zusammenhang von Produktivität und Wohlstand in der Wissensgesellschaft.

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