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Kann China AI? | Lukas-Pierre Bessis

China boomt seit Jahrzehnten. Das Land hat nicht nur die extreme Armut in nur 30 Jahren von 88 Prozent auf unter 2 Prozent gesenkt, sondern ist auch zur Weltfabrik für Hochtechnologie geworden. Das Wachstumstempo verlangsamt sich aufgrund der alternden Bevölkerung zwar ein wenig, aber China ist dennoch in vielen technologischen Bereichen einer der größten Akteure der Welt.

Einer dieser Bereiche, und vielleicht der bedeutendste, ist die Entwicklung von künstlicher Intelligenz. Die chinesische Regierung kündigte 2017 an, bis 2030 zum Weltmarktführer im Bereich der künstlichen Intelligenz aufzusteigen, und hat seitdem Milliarden von Euro in KI-Projekte in -Forschung und Wirtschaft gesteckt.

Der Risikokapitalfonds der Regierung investiert über 30 Milliarden Euro in KI. Allein die nordöstliche Stadt Tianjin hat 16 Milliarden Euro für die Förderung von KI eingeplant und in Peking wird derzeit ein KI-Forschungspark im Wert von 2 Milliarden Euro gebaut.
Zusätzlich zu diesen enormen Investitionen haben die Regierung und Unternehmen in China Zugriff auf eine noch nie dagewesene Menge an Daten, von der Gesundheit der Bürger bis hin zu ihrer Smartphone-Nutzung.

WeChat, eine MultifunktionsApp, mit der man chatten kann, sich verabredet, navigiert, Geld transferiert, Fahrten bestellt, Nachrichten liest und vieles mehr, gewährt der kommunistischen Partei vollen Zugriff auf die Nutzerdaten. Allein durch WeChat ist die kommunistische Partei in der Lage von so ziemlich jedem im Land, ob Bürger oder Ausländer zu Besuch, Verhaltensprofile zu erstellen. Und das ist nur eine (wenn auch sehr große) Quelle von Daten auf die der Staat zugreifen kann. Hinzu kommen Millionen von Überwachungskameras und ähnliches. Viele glauben, dass dieser Datenreichtum China zur KI-Großmacht werden lassen wird, vor den USA und Europa. Aber zu KI gehört mehr als Daten, und zum Fortschritt gehört mehr als nur die Investition von Milliarden von Dollar. Analysiert man Chinas Potenzial, weltweit führend in der KI zu werden – oder in jeder anderen Technologie, die konsequente Innovation erfordert – aus verschiedenen Blickwinkeln, ergibt sich ein ernüchterndes Bild.

In meiner letztjährigen Recherchereise durch China besuchte ich Großunternehmen und StartUps in Peking, Shanghai und Shenzen (dem Silicon Valley China’s) auf der Suche nach Techinnovationen. Um es in einem Wort zu sagen: Fehlanzeige.
Ich war massiv enttäuscht was die Innovationskraft anging. Mit der einzigen Ausnahme des Drohnenherstellers DJI sah ich nichts, was ich nicht sonst wo auf der Welt schon zuvor gesehen hatte. Auf der Frage nach dem Warum, wurde mir klar, dass China ein systemisches Problem hat, das herausragende Innovation bis heute verhindert und vermutlich immer verhindern wird.

Zunächst einmal muss man aber wissen wie Innovationen entstehen.

Viele großartige Erfindungen sind zufällig entstanden, und einige der erfolgreichsten Unternehmen der Welt begannen in Garagen, Studentenwohnheimen oder unter ähnlich unauffälligen Umständen (darunter Google, Facebook, Amazon und Apple, um nur einige zu nennen). Innovation entstehen durch Serendipitität (Glücksfall) und wie ich in meinem Buch Kill your agency (Haufe, 2015) beschreibe, durch die Neukombinierung bestehender Fakten/Begebenheiten. Wenn Wissenschaftler/innen an Universitäten durch die ihnen vom Grundgesetz garantierte Freiheit der Forschung und Lehre (GG Artikel 5) mit Erfinder/innen und Unternehmer/innen interagieren und Ideen austauschen passiert Großes.
Wenn man China beobachtet sieht man über welch riesige Menge an intelligenten Menschen dieses Land verfügt und kann schnell zum Schluss kommen, dass bei so viel Potential es ein leichtes sein muss Innovationen zu entwickeln. Guckt man auf seine Tech- und Innovationskraft, stellt man aber ernüchtert fest, dass China in der Vergangenheit auf Technologien aufgebaut hat, die anderswo entwickelt wurden, aber noch keine Erfolgsbilanz in Sachen Innovation vorweisen kann.

Die Oxford-Stipendiaten Carl Benedikt Frey und Michael Osborne gingen der selben Beobachtung nach und stellten in ihrer im Juni 2020 im Magazin Foreign Affairs veröffentlichten Studie fest, dass von den 100 meistzitierten Patenten von 2003 bis heute keines aus China stammt!

Die Techgiganten Tencent, Alibaba und Baidu sind alle sehr erfolgreich auf dem chinesischen Markt, aber sie haben ihre Wurzeln in Technologien oder Geschäftsmodellen, die aus den USA stammen und für die chinesische Bevölkerung angepasst wurden. Das ist kein Versuch die Techunternehmen und deren Erfolg zu schmälern, aber oftmals tappen Chinareisende wie ich und andere Berichterstatter in die Falle, das Aufholtempo und die unvergleichbar große Marktgröße Chinas mit Innovationskraft zu verwechseln.

In anderen Worten es ist technisch keine große Herausforderung einen Zug von Peking nach Shanghai auf einer kerzengerade, eigens dafür erbauten Trasse mit Tempo 350 fahren zu lassen und dann pünktlich anzukommen. Hingegen ist es eine fast unglaubliche Meisterleistung einen ICE zwischen Hamburg und Stuttgart pünktlich ankommen zu lassen, wenn sich dieser gleichzeitig die Trasse mit über eintausend S-Bahnen, Güterverkehrszügen, Regionalbahnen und selbstredend Sitzblockade-Demonstranten, die für den Erhalt des Juchtenkäfers demonstrieren, teilen muss.

Die wichtigste Aufgabe der kommunistischen Partei ist es das riesige Land mit seinen 22 Provinzen und 1,4 Milliarden Einwohnern geeint zu halten. Und das geht nur mit harter Hand oder wie mir mein Chinesischer Reiseführer Bruce Lee (er hieß wirklich so) erklärte, wenn man mit einer Kindergartengruppe einen Ausflug macht, müssen alle eng, mit strenger Hand, geführt werden, sonst bricht Chaos aus. Das mag aus Chinas Geschichte betrachtet richtig sein, aber aus der Innovationsforschung wissen wir, dass die innovativsten Gesellschaften immer diejenigen waren, die es den Menschen erlaubten, kontroverse Ideen zu verfolgen. Chinas strenge Zensur des Internets und die Überwachung der Bürger fördern nicht gerade die Verfolgung kontroverser Ideen. Das Social-Credit-System des Landes belohnt Menschen, die sich an die Regeln halten und bestraft diejenigen, die aus der Reihe tanzen. Es ist fast unmöglich, dass eine Kultur des sozialen Konformismus sich positiv auf technologische Innovationen auswirken kann. Ein Beispiel wo der Konformismus schief ging ist die Sowjetunion, die trotz hoher Investitionen in Wissenschaft und Technologie, kurzzeitig mit den USA in Bereichen wie Atomenergie und Weltraumforschung konkurrierte, am Ende vor allem aber aufgrund politischer und kultureller Faktoren sowie dem Mangel an echtem Wettbewerb, aber weit zurückblieb.

Chinas großer Kapital-, Daten-, und Talentvorteil ist gar nicht so vorteilhaft, wenn seine Denkgrenzen einschränkend sind und um das System zu erhalten auch eingeschränkt bleiben müssen. Auch wenn jetzt Milliarden in das Bildungssystem gesteckt werden und die Schüler auf Informatik gedrillt werden – die Erkenntnis bleibt – die besten Studenten sind nicht unbedingt die besten Forscher. Um ein guter Forscher zu sein, muss man bestehendes Hinterfragen und auch mit neuen Ideen aufwarten können.

Um eine Vorstellung davon zu bekommen, wer wahrscheinlich die Führung im Bereich der KI übernehmen wird, könnte es hilfreich sein, sich zunächst zu überlegen, wie sich die Technologie über ihren aktuellen Stand hinaus weiterentwickeln wird.
Um es deutlich zu sagen: KI steckt im Moment etwas fest. Algorithmen und neuronale Netze vollbringen immer wieder neue und beeindruckende Leistungen – wie DeepMinds AlphaFold, das Proteinstrukturen präzise vorhersagt, oder OpenAIs GPT-3, das Blog-Artikel auf der Grundlage kurzer Eingabeaufforderungen schreibt. Größtenteils sind die Fähigkeiten dieser Systeme aber immer noch als schwache Intelligenz definiert: die Erledigung einer bestimmten Aufgabe, für die das System mühsam anhand von Unmengen von Daten trainiert wurde. (An dieser Stelle sei angemerkt, dass einige spekuliert haben, dass GPT-3 von OpenAI eine Ausnahme sein könnte, das erste Beispiel für maschinelle Intelligenz, das zwar nicht „allgemein“ ist, aber die Definition von „schwach“ übertroffen hat; der Algorithmus wurde darauf trainiert, Text zu schreiben, war aber schließlich in der Lage, zwischen Sprachen zu übersetzen, Code zu schreiben, Bilder automatisch zu vervollständigen, Mathematik zu betreiben und andere sprachbezogene Aufgaben auszuführen, für die er nicht speziell trainiert wurde. Alle Fähigkeiten von GPT-3 beschränken sich jedoch auf Fähigkeiten, die es im Bereich der Sprache erlernt hat, egal ob gesprochen, geschrieben oder in einer Programmiersprache).
Sowohl der Erfolg von AlphaFold als auch der von GPT-3 war größtenteils auf die riesigen Datensätze zurückzuführen, auf denen sie trainiert wurden; es waren keine revolutionären neuen Trainingsmethoden oder Architekturen beteiligt. Wenn alles, was nötig wäre, um die KI voranzubringen, eine Fortsetzung oder Skalierung dieses Paradigmas wäre – mehr Eingabedaten ergeben eine höhere Leistungsfähigkeit -, dann könnte China durchaus einen Vorteil haben. Aber eine der größten Hürden, die KI überwinden muss, um sich in großen Sprüngen und nicht in kleinen Schritten zu entwickeln, ist genau diese Abhängigkeit von umfangreichen, aufgabenspezifischen Daten.

Während Chinas Datenschatz dem Land jetzt einen Vorteil verschafft, ist er auf dem Weg zur KI-Dominanz nicht unbedingt von Vorteil. Die vielen Daten sind nützlich für die heutige Entwicklung von relevanten Produkten, aber nicht, um die Entwicklung von künstlich intelligenten Systemen voranzutreiben. WeChat-Daten über die Ausgabegewohnheiten der Nutzer sind zum Beispiel wertvoll, um eine KI zu entwickeln, die Menschen beim Sparen hilft oder ihnen Artikel vorschlägt, die sie vielleicht kaufen möchten. Das führt bereits und wird in Zukunft noch mehr zu hochgradig maßgeschneiderten Produkten führen, die ihren Erfindern und den Unternehmen, die sie verkaufen, viel Geld einbringen werden.
Aber die Datenmenge ist nicht das, was die KI voranbringen wird. Wie Frey und Osborne es ausdrücken: „Dateneffizienz ist der heilige Gral für weitere Fortschritte in der künstlichen Intelligenz.“

Zu diesem Zweck arbeiten Forschungsteams in der akademischen Welt und in der Privatwirtschaft an Möglichkeiten, KI weniger datenhungrig zu machen. Neue Trainingsmethoden wie One-Shot-Learning und Less-than-One-Shot-Learning sind bereits aufgetaucht, zusammen mit unzähligen Bemühungen, KI so zu gestalten, dass sie mehr wie das menschliche Gehirn lernt. Obwohl diese Fortschritte nicht unbedeutend sind, fallen sie immer noch in die Kategorie „Babyschritte“. Niemand weiß, wie sich die KI über diese kleinen Schritte hinaus weiterentwickeln wird – und diese Ungewissheit ist nach Ansicht von Frey und Osborne ein großer Bremsklotz auf Chinas schnellem Weg zur KI-Dominanz. Jenseits der Frage, ob China die Vorherrschaft in der KI erlangen wird, ist die Frage, wie es die mächtige Technologie nutzen wird. Einige der Methoden, mit denen China bereits KI einsetzt, könnten als moralisch fragwürdig angesehen werden, von Gesichtserkennungssystemen, die aggressiv gegen ethnische Minderheiten eingesetzt werden, bis hin zu intelligenten AR-Brillen für Polizisten, die Informationen über jeden abrufen können, den der Träger anschaut.

Das soll nicht heißen, dass wir in Europa oder in den USA Künstliche Intelligenz für rein ethische Zwecke einsetzen. Das Projekt Maven des US Militärs zum Beispiel nutzte künstlich intelligente Algorithmen, um Ziele von Aufständischen im Irak und in Syrien zu identifizieren.
Sollte ein Land oder eine Region die Führung in KI übernehmen, wird es sicherlich einige große Vorteile daraus ziehen.
Während derzeit China bei den Investitionen und Europa und die USA bei der Entwicklung von KI führend sind, haben alle mit enormen wirtschaftlichen Ungleichheiten zu kämpfen, die sich negativ auf die technologische Akzeptanz auswirken könnten. Die Einstellung gegenüber dem gesellschaftlichen Wandel, der mit KI einhergeht, ist ebenso wichtig wie die Entwicklung der KI selbst. Die Notwendigkeit einer komplementären Politik, Wirtschaft und Gesellschaft wird am Ende die größte Herausforderung.

Europa ist meiner Beobachtung nach mit seinen sozial verantwortlichen Marktwirtschaften, seinen freien und durchlässigen Bildungssystemen und seinen staatl. und privatwirtschaftlich finanzierten Forschungsinstituten gut aufgestellt. Europa muss nur anfangen an seine Intelligenz, an seine Unternehmen und an sich selbst zu glauben. An die Kraft unseres freien und fairen Marktes statt sich von staatlich finanzierten Programmen blenden zu lassen.

 

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